für sorge.


2021


Text-Bild-Zyklus in Kooperation mit Anna Fiedler. Über Fürsorge, Liebe und ist das wirklich Fürsorge, Liebe? Für wen sorgen wir?






Kollektives Gedächtnis, rückwärts buchstabiert. Das kollektive Gedächtnis liegt
kalt auf dem Badewannenrand und tropft dünne Linien einsamer Spuren in eine
verkalkte Badewannenwand. Badewannenwandrand.
Das kollektive Gedächtnis kann sich nicht mehr spiegeln im Anderen, sich nicht
mehr finden im Gleichen. Es sind glücklose Spuren hilfloser Selfcare-Rituale, die
das kollektive Gedächtnis, das eigentlich auch gar keins mehr ist, hinterlässt. Die
Menschen, deren hornhautverissene Fußballen auf den Fliesen langsam kalt werden,
fühlen morgens nichts und wenn ihnen nachts Bildschirme ins Gesicht schlagen, alles.
Der Mensch ist eine Hauthülle, die gefüllt werden will. Sonst hängenHautfalten
in Kaskaden über blinde Spiegelbilder, unfähig, gesehen zu werden.
Unfähig, sich sehen zu lassen.
Wo kein Blick ist, ist auch kein Ich.
Wo keine Beblickten, da auch kein Wir.
Das Ich steht allein und nicht im Verhältnis, es kann sich nicht setzen, nicht mit
Gänsehaut auf nasskalte Badenwannenränder und nicht in Korrelation. Angebot
und Nachfrage in offener Beziehung mit den Anderen.
Wo keine Tuchmaske, da auch keine Sebstfürsorge.
Nur wer sich selbst sorgt, gehört zum Kollektiv. Sich selbst, für andere.
Kollektive Identitäten knutschen vor dem Regal für die Anti-Falten-Cremes und
in den Badezimmermülleimern des Landes vertrocknen lose Hüllen einmaliger Glückskörper.




einen lieben brief

und hast du heute schon die mitesser gezählt, denen deine haut weiches zuhause ist
und hast du heute schon ein bilderbuch gemalt an der stelle zwischen deinen beinen, an der deine oberschenkel so brachial buttrig
aufeinander treffen und aufreiben, was aufzureiben ist 
und hast du heute schon sanft über deine brust gestreichelt und ihr zugeflüstert, dass sie okay ist, dass es okay ist
und hast du heute schon haut meter für meter in gedanken abgelaufen, in dem wissen, vielleicht nie anzukommen 
und hast du heute schon eine abwesenheitsnotiz hinterlassen, für deine dysmorphophobie heute nicht, heute bin ich in mir und spüre alles



und hast du heute schon aus deinen armhaaren winzige zöpfegeflochten, sie gekämmt und ihnen die aufmerksamkeit geschenkt, die ihnen zusteht 
und hast du heute schon die mutterwunde geschlossen, deine muttermale sanft wiegend 
und hast du heute schon eine ode an deine füße geschrieben, munter sohlen in wellen schlagend, munter hautlappen in dellen schlagend und hast du heute schon verziehen, dass deine poren sind wie sie sind
und ihnen dann aus deinem lieblingsbuch vorgelesen
hast du heute schon
hast du heute schon einen lieben brief aufgesetzt, einen liebesbrief an
den anzug aus fleisch, in dem du wohnst und hast du heute schon ein danke gefühlt?



Was hast du heute gelernt?

Hast du den Unterschied zwischen Mitgefühl und Empathie greifen können und einen Raum aufgemacht, in dem sich existieren lässt, existieren abseits von
Klostein und Kohlehydraten
Regnet es auf dich,
regnet es auf dich, was du spüren möchtest
womit du dein Haus aus Fleisch benetzen möchtest,
regnet es Selbstfürsorge
auf dich,
die dich einhüllt wie die Hausstauballergie
bei deinen Besuchen in alten Kinderzimmern?
Was hast du heute gelernt,
hast du gelernt, was Integrität genau bedeutet
hast du das endlich googeln können
und hast du eine Brücke der Kommunikation aus angeleckten Zuckerwürfeln bauen können
beständig und zäh und süß?
Was hast du heute gelernt,
hast du gelernt, dich selbst mit genau den
weichen Augen anzusehen,
die du auf die anderen wirfst, nein, auf die anderen streichst,
deine weichen Augen, die du den anderen
draufstreichst
wie das Butterbrot,
das du morgens schmierst und dich in deiner Gänze zwischen die zwei Brothälften legst,
Glutengöttin.
Aber nicht für dich, immer nur
für die anderen.
Hast du gelernt, was es heißt,
dir all’ das selbst zu geben?
Was hast du heute gelernt?
Butter ist Liebe, wenigstens das.


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